Neulich ist mir ein Tweet über den Weg gelaufen, der, sicher vom @sixtus geretweetet, so aussah:

In einer Welt in der man nicht mehr raucht und alle Fahrradhelme tragen, werden wir alle alt aber wohl nicht glücklich…

Solche Tweets bereiten mir oft Kopfschmerzen, weil es mir als nichtrauchender Helmträger so schwer fällt, mir vorzustellen wie unglücklich jemand sein muss, das er sein Glück über die Abszenz eines Gegenstandes und den Konsum einer Droge definiert, aber das was mich jetzt dazu bringt ein längeres Traktat dazu zu schreiben ist, dass ich die Kombination dieser beiden Dinge für so unglaublich dämlich halte.

Der Reihe nach: Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn es in Hamburg, wie z.B. in London, gesellschaftlich anerkannt wäre, dass der Fahrradhelm zum Fahrradfahren dazugehört. Ich hab mich selber lange dagegen gesträubt, einen aufzusetzen, aber letztendlich überwiegt dann doch die Überlegung das mein Leben als Geistarbeiter zu sehr an meinem Dötz hängt als dass ich nicht alles notwendige dafür tun sollte, dass ebenjeniger vernünftig vor größeren Schäden bewahrt wird.

Ich persönlich hätte auch nichts dagegen, wenn eine solche gesellschaftliche Anerkennung über eine gesetzliche Regelung erreichen würden, so wie es uns ja doch schon das ein oder andere Mal (z.B. bei der Anschnallpflicht und der Helmpflicht (!) für Motorradfahrer) ganz gut geglückt ist. Aber ich, der sich ja nun mal für das Tragen eines Helmes entschieden hat, kann auch ganz gut ohne so eine Regelung leben. Die Risiken, die für andere Menschen entstehen, dadurch das @rational_heart keinen Fahrradhelm trägt, sind eher gering. Falls sie Kinder hat, könnte man anführen, dass sie vielleicht alles daran setzen sollte, sich selber zu schützen, weil jegliche Verletzung gleich riesige Probleme für die Nachkommen erzeugt, aber auch das würde ich im Zweifel eher der Beurteilung des einzelnen überlassen. Ich persönlich glaube nicht, dass mich, sollte ich einen Crash hinlegen, das Glückerfüllte Fahren mit freiem Haupthaar so befriedigen würde dass ich hinterher, in der Intensivstation, sagen würde “Yo, das war geil, ich würde es wieder machen!” - Aber das mag jeder anders Beurteilen.

Kommen wir also zum Rauchen. Wie gesagt, mir als Nichtraucher (und offensichtlich nicht sehr suchtgefährdeten Person) ist es nicht klar, wie man persönliche Freiheit und Glück über den Konsum einer gefährlichen, ungesunden Droge definieren kann. Es sei denn es geht um Schokolade natürlich. Wenn man sich mit Rauchern darüber unterhält, dann ziehen diese die Diskussion dann gerne schnell auf die Metaebene und behaupten dass es ihnen gar nicht um das Rauchen an sich ginge sondern um das Rauchverbot als Symptom einer immer weiter regulierten Gesellschaft. Das fände ich an sich tatsächlich fast nachvollziehbar, denn der zunehmende Regulierungsdrang ist tatsächlich etwas, das man als halbwegs liberal eingestellter Mensch Scheiße finden kann, und zwar mit einigem Recht.

  

Aber. Bitte nicht vom Thema abkommen und die Metaebene mal Metaebene sein lassen. Ich will auch gar nicht auf die horrenden Gesundheitskosten durch Raucher hinaus, das Gesundheitssystem ist eh vollkommen im Arsch, sondern auf etwas ganz anderes.

Wenn man sich als Raucher darüber beklagt, dass einem als Raucher durch ein Rauchverbot die Freiheit beschnitten wird, dann sollte man sich zuallererst einmal vergegenwärtigen dass es sich bei Zigaretten um eine Droge handelt, und zwar eine die eine starke Abhängigkeit erzeugt. Den ersten Grad der Freiheitsberaubung hat man also im Zweifel bereits ohne Fremdeinwirkung (wenn man das “komm, rauch doch auch mal eine, Alter” zu Schulzeiten nicht mitzählt) hinter sich gebracht. Die meisten Raucher (ich kenne einige bewundernswerte Ausnahmen) sind absolut nicht frei in ihrer Entscheidung, ob sie jetzt noch eine rauchen wollen oder nicht.

Wenn ich nun also einem Raucher verbiete, an einem Ort, an dem er sich gerne aufhält (oder wahlweise, an dem er sich aufhalten muss) seine Zigarette zu rauchen, dann schränke ich seine Freiheit, das zu tun, was er tun muss, weil seine Sucht das von ihm verlangt…Irgendwie schief das Bild, oder?

Aber: Geschenkt.

Was ich an der ganzen Rauchersache wirklich dramatisch finde, ist, dass in der ganzen Diskussion in der Regel der Große Elefant im Raum keine Beachtung findet (Elefant?), und zwar dass hinter all diesem Freiheitsgedönz eine Multimilliardendollarindustrie (Ich gehe nach oberflächlicher Schätzung über diverse Online-Artikel mal von einem guten 3-Stelligen Milliarden-Dollar-Betrag als Umsatz pro Jahr, weltweit, aus) steckt, die nachgewiesenermaßen bereit ist, die Gesundheit Ihrer Konsumenten als Preis für höhere Absätze einzusetzen. (Hier unterscheiden sich eigentlich alle Drogen-Verkäufer nur unwesendlich - Die Getränkeindustrie hat mit den Alkopops auch eine Menge Mist gebaut und die illegale Branche der harten Drogen greift zu immer krasseren Tricks um billigeren Stoff herzustellen dessen Suchtwirkung noch krasser ist).

Was diese Industrie geschafft hat, ist wirklich erstaunlich. Innerhalb weniger Jahrzehnte nach der Industrialisierung der Tabakindustrie im ausgehenden 19. Jahrhundert ist die Zigarette als Massengenussmittel nicht mehr wegzudenken. Und seit dem klar ist, dass Rauchen ein explizites, nicht weg zu diskutierendes, relevantes Gesundheitsrisiko für aktive und passive Konsumenten darstellt, kämpft diese Industrie, der Medienbranche im Kampf gegen “die Raubkopie” nicht unähnlich, mit harten Bandagen und manchmal auch über das Ziel hinausschießend um ihre Profite. Die Werbung suggeriert mal Coolness, mal Freiheit, immer auch irgendwie Überlegenheit, Geselligkeit, etc. etc. - Also genau all das, womit Raucher, gern auch mal ironisch, argumentieren. “Eine Gesellschaft, die Rauchen verbietet ist Spießig.” - “Rauchverbote engen unsere Freiheit ein” etc, ihr kennt die Sprüche sicher auch alle.

Und von solchen Menschen, die 1. sich nicht eingestehen können, stark abhängig von einer Droge zu sein und 2. sich dann auch noch bereitwillig von einem großindustriellen Komplex ein Weltbild/Lebensgefühl aufwerben lassen, muss ich mir erzählen lassen, dass ich und meine Mitmenschen durch das freiwillige Tragen eines Fahrradhelms unglücklich werden.

Nö.