Von Hendrik Mans bekam ich auf Twitter diesen Artikel von Konrad Lischka, seines Zeichens stellvertretender Ressortleiter der Netzwelt nähergebracht. Die Überschrift lautet “Die Feinde der “Contentmafia” sind Heuchler”, das macht einen ja dann doch mal aufhorchend.

Ein paar tausend Zeichen später war es dann eine wilde Mischung aus einer angeblich alternativen Perspektive und den üblichen Fehlannahmen und Missverständnissen, die die Debatte üblicherweise in den Medien dominieren.

Nun denn. Fangen wir mal ganz hinten an:

Wer die Markwirtschaft akzeptiert, aber Urhebern das Recht aufs Wirtschaften abspricht, ist ein Heuchler.

Ich glaube niemand spricht Urhebern in dieser Debatte das Recht aufs Wirtschaften ab. Das wäre auch absurd. Herr Lischka nennt, nur ein paar Absätze früher, selber Beispiele, wie Künstler Einkünfte generieren können: Konzerte, Merch, das ganze Zeug. Und davon abgesehen spricht ja auch nichts dagegen, weiterhin Tonträger oder digitale Werke zu verkaufen. Oder sagen wir mal so: Man kann es zumindest versuchen.

Und hier kommen wir auch schon zu dem ersten Problem: Zunächst erst einmal wäre ja zu beweisen, dass illegale Downloads den Urhebern schaden.

Das Grundproblem ist ja folgendes: Während eine geklaute Vinylplatte oder Wachswalze, oder meinetwegen auch eine geklaute CD vor allem geklaut ist, stellt sich die Sachlage bei digitalen Kopien etwas komplexer da. Wenn ich meinem Kumpel eine mp3-Datei auf seinen Mp3-Player kopiere, dann habe ich die Datei ja immer noch. Wirtschaftlicher Schaden entstünde in dem Moment, in dem mein Kumpel die Datei eigentlich selbst gekauft hätte. Solche Fälle gibt es, keine Frage. Sind sie aber die Regel? Und was ist mit Leuten, die sich erst Raubkopien anhören und dann doch die CD kaufen, oder den High-Quality-Lossless-Download, weil sie die Musik geil finden? Und die Musik sonst vielleicht nie entdeckt hätten? Es gibt viele Leute die behaupten, sie würden in der digitalen Welt mehr Musik kaufen. Bis zu meinem Spotify-Account war das definitiv bei mir auch so, jetzt bezahle ich über meinen Spotify-Pro-Account und über meine iTunes-Match-Gebühr. Aber wie sehen die Zahlen jenseits der Anekdote wirklich aus?

  

Die Datenlage, was die Verkaufszahlen von (der Einfachheit halber beschränken wir uns mal auf Musik) Tonträgern bzw. digitalen Werken angeht, bzw. die negativen Auswirkungen vom Filesharing auf diese Zahlen ist extrem unklar. Es gibt haufenweise Studien zu dem Thema, in alle Richtungen (“hat keine Auswirkungen”, “hat wohl Auswirkungen” bis hin zu “hat die Musikindustrie getötet”), allerdings ist das Variablengebilde, das man dort betrachtet unglaublich komplex, wenig abseits der reinen Verkaufszahlen ist rational messbar (Vieles beruht auf Umfragen) und so ist es wie immer mit Studien: Je nachdem, wer die Studien bezahlt fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus. Ich will damit gar nicht behaupten, dass illegale Downloads keinen negativen Impact auf Verkaufszahlen haben - Nach allem was ich dazu gelesen habe, scheint diese Frage nachwievor umstritten zu sein, aber ich bin auch kein Experte auf diesem Gebiet - sondern darauf hinweisen, dass all die Forderungen der Medienindustrie auf Annahmen fußen, die sie nicht zweifelsfrei beweisen können.

Falls der Leser sich gerade fragt, warum sonst denn die Umsätze der Musikindustrie so wahnsinnig stark eingebrochen sind - Darüber redet die Musikindustrie nicht so gerne. Wie gesagt, das Gebilde ist komplex und an vielen Stellen unglaublich subjektiv - Aber ein Punkt ist z.B. dass die Jugend unglaublich viel weniger Musik hört und das auch viel weniger bewusst tut. Das wird von den Youtubes gerade ein bisschen gekontert, glaube ich, aber das Programm des “Musiksenders” MTV spricht z.B. eine deutliche Sprache. Wo ist die Zeit hin? Computerspiele, Chatten, Youtube-Videos gucken, etc. Einen anderen Punkt erwähne ich unten noch.

Nun ist es allerdings so, dass Herr Lischka ja ganz klar die Urheber in seinem Text hochhält. Niemand bestreitet, dass die Einnahmen der Musikindustrie als ganzes in den letzten Jahren zurückgegangen sind. Niemand bestreitet, dass dadurch automatisch die Einnahmen der Künstler über Tantiemen und ähnliches auch zurückgegangen sind. Was allerdings noch schwerer wird, als zu beweisen, dass die Verwerter unter dem Filesharing leiden, ist, dass die Künstler darunter leiden.

Warum ist das so? Das Gros der Künstler ist kein Michael Jackson oder kein Paul McCartney, die auch Jahrzehnte nach dem Höhepunkt ihres Schaffens immer noch gut von ihren Urheberrechten hätten leben können bzw. können. Das Gros der Künstler verdient den Großteil seines Geldes während der Zeit in der er selber am erfolgreichsten ist. Im Jahr 2012 allerdings überwiegend durch die oben schon genannten Einnahmen wie Gagen oder Verkauf von Devotionalien. Was unter anderem an den immer schlechter werdenden Deals von Plattenfirmen, aber sicher auch an den rückläufigen Verkaufszahlen liegt, aber das nur nebenbei. Nun ist es aber so, dass, wenn man sich die Verkaufszahlen von den Major-Labels ansieht, oder auch die Ausschüttungsschlüssel von der GEMA, dass das Gros der Einnahmen durch den Back-Katalog erfolgt, (im Zweifel die Werke der Elvises, Michael Jacksons, Beatles dieser Welt), also durch Werke von Künstlern, die entweder schon tot sind (und somit nur noch die Erben was davon haben, wenn es welche gibt) oder dessen Schaffensphase schon sehr weit zurückliegt. Und zwar, und das ist entscheidend, von einer relativ kleinen Anzahl von Künstlern im Vergleich zum Gesamtmarkt.

Was das bedeutet ist relativ klar: Es ist im Interesse der Medienfirmen, dass die Urheberrechte (das englische Wort Copyrights ist da viel ehrlicher, finde ich) so aggressiv wie möglich verteidigt werden und dass diese Urheberrechte nach Möglichkeit nie auslaufen. (was sie de facto dank immer Rechtzeitig zum Auslaufen der Rechte an Mickeymouse verlängerten Urheberrechtsfristen seit Jahrzehnten schon tun) Zusätzlich wird aber auch, und das merkt man inzwischen immer stärker, die Motivation und die Risikobereitschaft immer kleiner um neue Dinge und Künstler auszuprobieren. Zusätzlich dazu begünstigt dieser starke Fokus auf den Back-Katalog auch die Konzentration in der Musikindustrie. Denn wo vorher kleine Firmen viel beweglicher waren und es wahnsinnig viele verschiedene Sparten zu beackern gab, ist heute vor allem Größe und Effizienz das Ziel.

In den letzten beiden Absätzen tauchte das Wort Filesharing übrigens nicht mehr auf. Weil die Musikindustrie auch ohne Filesharing aufgehört hat, gerade für neue Künstler zu funktionieren. Das Filesharing hat den Prozess unter Umständen auf zwei Weisen verstärkt: Zum einen (unter der Annahme dass Filesharing Schaden anrichtet) durch erhöhten wirtschaftlichen Druck auf die Musikfirmen, den diese 1:1 zu den Künstlern und die Neukünstler-Aquise durchreichen, und zum anderen dadurch, dass es inzwischen ziemlich egal ist, ob ein Künstler einen Major-Vertrag hat oder nicht, weil, wenn das Ding geil ist, und es durch die Youtubes dieser Welt getrieben wird, auch ohne das Dicke Major-Marketing-Paket abgeht.

Endlich zurück zu Herrn Lischka:

Erst das Urheberecht verleiht Geschichten, Bildern, Liedern eine Warenform, die Schöpfer auf den Märkten handeln können. Urheber können zum Beispiel entscheiden, einige Rechte Verwertern zu verkaufen, um sich aufs Schreiben, Komponieren, Gestalten zu konzentrieren statt selbst zu vermarkten.

Das ist faktisch erst einmal vollkommen korrekt. Ohne das Urheberrecht gäbe es keine Möglichkeit, dieses zu veräussern. Damit diese Arbeitsteilung, die Herr Lischka so preist, wirklich funktioniert, muss das Verhältnis zwischen den Vertragspartnern aber ausgewogen sein. Aber, wie Lischka selbst bemerkt:

Es stimmt, dass gerade unbekannte Künstler oft kaum Wahlfreiheit haben - entweder sie akzeptieren die Forderungen mächtiger Verwerter oder sie verzichten, viel verhandelt wird da nicht, wenn sich Verlage zum Beispiel alle erdenklichen Rechte an einem Buch übertragen lassen. Allerdings sprechen solche Fälle gar nicht gegen das Urheberrecht an sich. Statt es zu schwächen, müsste man es stärken. Und zwar so, dass Urheber ihre Rechte tatsächlich wahrnehmen können - gegenüber den alten und den neuen Verwertern.

Aha! Es geht also um alte und neue Verwerter. Lesen wir weiter:

Allerdings bezahlen viele neue Verwerter im Web - etwa Megaupload - Urhebern gar nichts. Bei ihnen sehen die Kritiker der “Contentmafia” dann aber über die Ausbeutung hinweg und loben die Innovationen, die nur leider mit dem überholten Urheberrecht kollidieren.

Ja, scheisse nochmal. Megaupload ist doch kein Verwerter. Megaupload ist ein Unternehmen von ein paar windigen Typen, die schlecht recherchierenden Teens das Geld mit fiesen Tricks aus der Tasche ziehen. Da muss man doch gar nicht drüber diskutieren.

Der Punkt ist: An dieser Stelle kommt Herrn Lischka die Realität in die Quere. Wir (die das Netz schon so lange nutzen) predigen das seit Jahren, aber offensichtlich will es niemand hören: Niemand ist traurig wegen Kim Dotcom (auch wenn die rechtliche Lage ziemlich verworren ist, darauf komme ich unten noch einmal kurz zurück), der mit den offensichtlichen Gesetzesverstößen seiner Benutzer Geld gescheffelt hat. Wirklich. Niemand. Nur: Ändern tut das nix. Wenn der Ex-Schmitz das nicht macht, dann macht’s irgendein gelangweilter 15-Jähriger Hacker über ein dezentrales, verschlüsseltes, anonymisiertes Netzwerk. Die Digitale Kopie wird nie, nie, nie wieder zurück in die Flasche verschwinden. Das Thema ist durch. Dazu braucht man kein MegaUpload. Das einzige was man tun kann (und was über ACTA, SOPA, PIPA, 3-Strikes, etc. auch gerade massiv versucht wird) ist, das Risko unglaublich in die Höhe zu treiben. Nur irgendwann verlieren solche Gesetzesvorhaben ihre Verhältnismäßigkeit und an diesem Punkt sind wir jetzt angekommen. Aber das haben andere als ich besser beschrieben.

Weiter im Text:

Böse alte gegen gute neue Verwerter: In diesem Feindbild kommt die Freiheit der Urheber überhaupt nicht vor. Die Freiheit, die Nutzung eines Werks in einem bestimmten Kontext zu untersagen, zum Beispiel das Posten des Pseudo-Nazirocks aus dem Film “Kriegerin” in Neonazi-Foren. Und die Freiheit, zwischen verschiedenen Verwertern und Geschäftmodellen zu wählen.

Zu den Foren. Ja, mei. Das ist Pech, ärgerlich dazu, aber da gilt was ich eben schon schrieb. Die Verbreitung von eigenen Inhalten kontrollieren zu können ist eine Illusion aus einer vergangenen Epoche.

Zu den Verwertern und Geschäftsmodellen: Wie wir hier im Internetz sagen: Full Ack (Volle Zustimmung). Ich möchte Sie bitten, Herr Lischka, sich diesbezüglich mal mit der GEMA auseinander zu setzen. Ja, wir haben es da tatsächlich mit einem lösbaren Problem zu tun. Nur leider, das hat die GEMA zuletzt noch einmal deutlich gemacht (achtung PDF), haben die Stimmberechtigten Mitglieder gar kein Interesse daran, dass Problem, das nicht ihres ist, zu lösen. Ich sehe als Lösung nur die gesetzliche Auflösung des Alleinvertretungsanspruchs der GEMA - frage mich allerdings, wie durchsetzbar das ist.

Aber weiter:

Gerne erzählen die Feinde des Urheberrechts, Musiker sollten allein von Gagen bei Auftritten leben, Autoren allein von den Einnahmen bei Lesungen. Man solle nur noch Zugang zu Einmaligen verkaufen, zu Live-Erfahrungen, nicht den Zugang zum Werk, das solle man gefälligst verschenken. Das ist sicher für einige Künstler ein gutes Modell. Doch mit Freiheit und Marktwirtschaft hat es wenig zu tun, Urhebern ein einziges Geschäftsmodell vorzuschreiben.

Herr Lischka, soll ich ihnen mal sagen, was mit Marktwirtschaft und Freiheit auch nichts zu tun hat? Die Realität qua Gesetz immer weiter zu verbiegen um ein Geschäftsmodell, das mit physischen Medien super funktioniert hat, in eine Zeit zu retten, in der es nicht mehr funktioniert. Märkte und Gesetzmäßigkeiten ändern sich. Setzen Sie bitte mal die Brille eines Menschen, der im 20sten Jahrhundert geboren ist ab und schauen Sie sich mal an, wie lange es den Berufsstand des Musikers (oder des Autors oder des Malers) schon gibt und wie kurz dagegen die Periode ist, in der man mit durch den Verkauf von Originalen, Kopien und anderen Repräsentationen (Notenabschriften) Geld verdienen konnte.

Das mag einem als angehender Autor oder Musiker nicht gefallen. Aber für die meisten von ihnen ist es ehrlich gesagt schon seit bestimmt zehn Jahren die Realität. Gut bezahlte Plattenverträge sind so selten geworden, dass das, wogegen Herr Lischka wettert, schon seit geraumer Zeit für das Gros der Musiker das täglich Brot ist.

Ja, der Grund für das Scheitern dieses Modells mag aus Sicht der Medienindustrie im illegalen Bereich liegen. Aber wie ich schon sagte: Das spielt letztendlich keine Rolle, denn der Geist kann nicht wieder zurück in die Flasche. Nicht mit, nicht ohne ACTA. Solche Dinge passieren. Eisschränke weichen Elektrischen Kühlschränken. Kohleheizungen werden durch Gas-, Öl- und Elektroheizungen ersetzt. Kutscher und Pferde durch Ottomotoren. Die Geschichte ist nicht sehr zimperlich mit den Opfern des Fortschritts. In den seltensten Fällen hat es den betroffenen geholfen, laut polternd durch die Gegend zu laufen und Gesetze gegen Elektrizität, Benzinmotoren und Gasheizungen zu fordern.

Ja, ich argumentiere hier nicht juristisch. Ich argumentiere historisch. Das mag Herrn Lischka und den betroffenen Künstlern nicht gefallen (Die Vertreterin der Medienindustrie ist vorhin schon laut polternd aufgestanden und aus dem Raum gerannt). Ich habe bereits einmal (mit meinem geschätzten Kollegen und Freund Wolfgang Wopperer, der den gesamten philosophischen und kulturhistorischen Unterbau geliefert hat - Ehre wem Ehre gebührt) einen Vortrag zu diesem Thema vor Musikern gehalten. Es hat ihnen nicht gefallen, hat uns aber immerhin eine geifernde Erwähnung und die Bezeichnung “Netzaktivisten” in der Taz eingebracht.

Ich finde das Zitat nicht wieder, aber ein bekannter Staatsrechtler hat mal sinngemäß gesagt “Gesetz muss sich auch immer den gesellschaftlichen Realitäten anpassen”. Er meinte damit nicht, dass Urheberrechtsverletzungen im privaten Bereich stärker bestraft gehören.

Ich lasse den Teil, in dem Lischka gegen die Kulturflatrate wettert weg, aus Gründen.

Nochmal: Ich habe nichts dagegen, wie Herr Lischka fordert, die Stellung von Urhebern gegenüber den Verwertern zu stärken. Aber, und auf diesen Punkt geht Herr Lischka nicht genug ein (um nicht zu sagen, er kommt eigentlich nicht vor), darum geht es bei der ganzen Diskussion nicht. Denn es sind die Verwerter, die in ihrem eigenen Interesse (und nicht im Interesse der Urheber) die Regierungen dieser Welt mit mir immer noch vollkommen unklaren Mitteln an die geheimen Verhandlungstische der SOPAS, PIPAS, ACTAS etc. zwingen. Und dort Forderungen stellen, die so massiv (und das ist der Kern der Kritik an diesen Abkommen, es geht nicht um das Urheberrecht an sich) in die Infrastruktur des Internets und die Kommunikationsfreiheit der Menschen eingreifen wollen, dass “das Kind mit dem Bade ausschütten” eine Verharmlosung wäre.

Wenn Herrn Lischka wirklich so sehr an der Stärkung der eigentlichen Urheberrechte gelegen wäre, dann müsste er sich, anstelle den Gegnern der Geheimabkommen Heuchelei zu unterstellen, damit beschäftigen, ob und wie denn diese Abkommen diese eigentlichen, ursprünglichen Urheberrechte stärken würden. Gerade im Binnenverhältnis Urheber - Verwerter dürfte das zu bezweifeln sein.

Zeit für ein Fazit.

Wenn es nach Herrn Lischka ginge, müsste man das Urheberrecht nur vernünftig durchsetzbar machen (was es im Bereich der privaten digitalen Kopien aus Prinzip nicht mehr sein kann) und dann wären die Probleme der Urheber gelöst. Sie wären nicht mehr so abhängig von den Verwertern (die schon lange nur noch auf eigene Rechnung arbeiten und in deren Lobbyarbeit der Urheber nur als Strohmann vorkommt) und könnten endlich wieder vom Verkauf der Musik, des Buchs, des Photos leben.

Wenn es nach mir ginge, dann würden wir aufhören, den Kopf in den Sand zu stecken und so zu tun, als würde man den Geist des Filesharing im digitalen Zeitalter jemals wieder in die Flasche kriegen und uns statt dessen mit der Kernfrage, die hinter all dem steckt beschäftigen: Wie schaffen wir es, Künstlern zu ermöglichen Kunst zu erschaffen und davon leben zu können. Und dann würde auch Herr Lischka womöglich feststellen, dass man das Urheberrecht vielleicht gar nicht zwingend dazu benötigt, jedenfalls nicht in seiner jetzigen Form. Denn dann stolpern wir über Dinge wie Kickstarter (wo zwei Spieleprojekte unlängst in kürzester Zeit über 1 Mio Dollar einbrachten). Ja, es wird ein bisschen dauern, bis rund um all diese neuen Dinge neue Verwerter-Äquivalente entstehen, die es auch weniger cleveren, weniger PR-begabten Menschen erlauben, ihre Kunst auszuüben. Aber wenn wir es schaffen, diese neue Art der Finanzierung zu etablieren ohne auf dem Weg dorthin aufgrund der Lobbyarbeit von einer vollkommen überrepräsentierten Verwerterindustrie einen Haufen unserer Freiheiten und Rechte zu verlieren, dann ist das doch eine Utopie, für die es sich zu kämpfen lohnt - Wenn ich dafür ab und zu von ahnungslosen oder fehlgeleiteten oder gar bösartigen Journalisten ein Heuchler genannt werde oder mir vorgeworfen wird “eine neue Steinzeit zu prädigen”- So be it.

Am Ende wäre es dann so, wie es schon immer war, seit dem wir Musik als Konserve geniessen können: Die, die richtig Bock auf Musik haben und Geld haben, geben richtig viel Geld für richtig gute Musik aus. Die die richtig Bock auf Musik haben aber kein Geld haben, bekommen das Material auf obskuren Wegen (Aus dem Radio aufnehmen, beim Kumpel von Platte überspielen, aus dem Internet runterladen). Und die die Musik nicht interessiert, lassen sich weiterhin auf belanglosen Radiosendern zuballern und spielt in der übrigen Zeit ein paar geile Egoshooter oder die Sims.

Nichts desto Trotz. Urheberrecht. Ja! Bitte! - Es wird durch den Filesharing-Geist und die schwierige bis unmögliche Umsetzung im privaten ja nicht überflüssig. Die “neuen” Verwerter von denen Herr Lischka spricht - Die MegaUploads dieser Welt - Nunja. Die Rechtliche Lage ist schwierig, im Zweifelsfall wird ja von Seiten der Verwerter mit dem Botenprivileg argumentiert. Hier müsste man in der Tat ansetzen. Aber wie wäre es, statt an dem Privileg selbst anzusetzen, wenn ich Ihnen mal ein Geheimnis verrate, Herr Lischka? Wir alle hassen die Megauploads dieser Welt, schreckliche, auf schnelles Geld und viel Werbung optimierte Seiten, die ihre Nutzer wie den letzten Dreck behandeln, den man auch schon mal 2-3 Minuten auf einen Download warten lassen kann, es sei denn er drückt Geld ab. Was für ein ekelhaftes Geschäftsmodell. Die einfachste Lösung, die Kim Dotcoms dieser Welt los zu werden?

Die Antwort könnte z.B. Portugal geben, die gerade ziemlich erfolgreich mit der weitgehenden legalisierung von Drogen experimentiert haben. Denn genau das ist Megaupload ja: ein Dealer. Wenn man nun einen Kniff schaffen würde, dass Filesharing legal wäre, aber nur zwischen Privatpersonen (quasi eine Privatkopie im extended Mix), dann würden diesen Plattformen, die ja auch nicht wirklich effektiv bekämpft werden können wie man an kino.to sieht, ihrer Geschäftsgrundlage beraubt. Das ist übrigens die geforderte “Liberalisierung” von der Herr Lischka spricht, in Anführungszeichen, wohlgemerkt.

Aber wie gesagt: Das macht ja das Urheberrecht nicht überflüssig. Und wenn Facebook oder Youtube mit Urheberrechtlich geschützten Werken Geld verdient (z.B. durch dazugeschaltete Werbung), dann soll der Urheber doch bitte einen Anteil davon bekommen (Das wäre in Deutschland z.B. schon längst möglich, wenn die GEMA ein Interesse an einer Einigung hätte). Natürlich verhandeln die “neuen Verwerter” wie Google mit harten Bandagen. Aber das tun die “alten Verwerter” auch an allen Stellen seit Jahrzehnten.

Überhaupt: Macht es uns doch bitte einfach Einfacher, Musik zu konsumieren und zu entdecken. Aber was soll ich mit einem Youtube (der mit Abstand größte Talentfinder der Musikindustrie der letzten Jahre), das sich konsequent aufgrund der GEMA weigert, mir Musik vorzuspielen. Apple hat nur deswegen ein Quasimonopol im digitalen Musikvertrieb, weil es so unglaublich einfach ist, im iTunes-Store Geld auszugeben - Alles was die Musikindustrie versucht hat, dort selbst zu reissen, ach wissen sie was, Herr Lischka, ich will mich nicht aufregen.